Der Sprache zuhören: Trouvailen September 23

 

Die Sprach-Trouvaillen erscheinen jeweils auf der Linkedin-Seite der "Frischen Texte". Es sind kurze Reflexionen über Sprache und das Lernen durch Sprache.

8. September 2023
Der Sprache zuhören - Trouvaille der Woche:
"Mann" und "Frau" werden zum "Titel".

Kürzlich wollte ich mich für eine der neuen Finanz- und Konto-Apps registrieren. Bei der Angabe der persönlichen Daten heisst das erste Feld "Titel". Und zur Auswahl als Titel stehen "Mann" und "Frau". Mein erster Gedanke: wenn das Unternehmen sein Geschäft so sorgfältig gestaltet, wie es Sprache nutzt - dann überzeugt mich das nicht so.
Vielleicht ist das ja kleinkariert, aber ich habe mich nicht registriert.
Was denkst du darüber?
#Vertrauen #Finanzapp #Registration #UserExperience


15. September 2023
Der Sprache zuhören - Trouvaille der Woche:
«Aber warum muss man das Selbstverwirklichung nennen? Wenn dieses Wort fällt, setzt man meistens ein verbesserungswürdiges Mängelwesen Mensch voraus. Es geht nicht darum, möglichst viel von der Welt zu entdecken, sondern aus sich selbst ein tolles Projekt zu machen.»

Das sagt die Schriftstellerin Juli Zeh in einem Zeitungs-Interview (Tages-Anzeiger). Wie und wie sehr behindert uns dieses Wort «Selbstverwirklichung» - was denkst du?
#MachtderWorte #Selbstverwirklichung


22. September 2023
Der Sprache zuhören - Trouvaille der Woche:
«Sagen Sie uns, wie Sie sprechen, und unser interaktiver Kalkulator verrät, wo Sie aufgewachsen sind.»

Das verspricht der Dialekt-Test, den der Tages-Anzeiger publiziert hat. Natürlich habe ich ihn ausgefüllt. Meine sprachliche Herkunft: Spreitenbach! Schockierend? Ja, nämlich die Genauigkeit des Resultats: meine ersten zehn Lebensjahre habe ich in Oberengstringen verbracht, 4 Kilometer Luftlinie von Spreitenbach entfernt.
Was sind deine Sprach-Wurzeln?


29. September 2023
Der Sprache zuhören - Trouvaille der Woche:
"das bild würde nach einer veröffentlichung mein eigendumm bleiben."

Diesen Satz hat der Winterthurer Künstler Aleks Weber in einem Brief an mich geschrieben, als er in Untersuchungshaft weilte. Die Wortschöpfung "eigendumm" hatte im Kontext der 80er-Jahre etwas leicht subversiv Anklagendes, aber auch etwas Selbstironisches. Heute wirkt sie fast visionär. Mit allen Nachhaltigkeits-Konzept haben wir ja gelernt, dass Materielles früher oder später wieder ins Ökosystem zurückkehrt. Oder - um mit Webers Worten zu fragen - wie "dumm" ist es, etwas sein Eigen zu nennen, wenn es sowieso "nur" ausgeliehen ist?
#Wortschöpfung #Nachhaltigkeit #Kreislauf

Aleks Webers Kunst wird jetzt gerade in Winterthur ausgestellt.
https://lnkd.in/er76eS7K

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